Ein Projekt der Amadeus-Antonio-Stiftung, dem Jugendzentrum Sahlkamp Hannover und dem Künstler und Coach Ercan Carikci

13 Jugendliche engagierten sich im Jahr 2013/2014 mit dem Projekt »DANCING HISTORY« gegen Rassismus, Antisemitismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In den wöchentlichen Treffen im Jugendzentrum Sahlkamp griffen Methoden der politischen Bildung sowie ein professionelles Tanz-Training ineinander: wie erging es z.B. einer Afro-Deutschen, einem türkischen Juden oder einem deutschen Sinto während der NS-Zeit? Welche Überlebensstrategien hatten sie? Welche Rolle spielt die Kolonialgeschichte dabei? Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer tauchten in »fast vergessene« Biografien ein und wandelten ihre Erkenntnisse mithilfe vom künstlerischen Leiter Ercan Carikci in ein Tanz-Theater um, welches in Berlin Premiere feierte und auch in Hannover aufgeführt wurde. Neben der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit waren eigene Rassismuserfahrungen in der heutigen Zeit ein zentrales Thema. Und natürlich, was eigentlich dagegen getan werden kann.

 

Ercan Carikci dazu: „Mir hat es unheimlich viel Spaß gemacht, die Jugendlichen in diesem Projekt begleiten zu dürfen. Es war keine leichte Aufgabe, die Inhalte der Biografien in Tanz und Theater zu transformieren. Aber durch die großartige Betreuung und Organisation durch die Bildungsreferentin Verena Meyer von der Amadeu-Antonio-Stiftung und die freundliche Unterstützung der Stadt Hannover und dem Jugendzentrum Sahlkamp, ist es uns gelungen, ein phänomenales Stück auf die Beine zu stellen und den Horizont unserer Jugendlichen und Ihrer Familien zu erweitern. Der Besuch im ehemaligen Konzentrationslager in Bergen-Belsen ist mir besonders in Erinnerung geblieben! Seit dem Projekt Dancing History erlebe ich die Jugendlichen als viel bewusster, gewählter und in gesunder Form sensibler in Bezug auf die Themen Rassismus und  Antisemitismus. Das Projekt hat mit jeder Sekunden Sinn gemacht und unsere Heranwachsenden haben einen großen Sprung in ihrer Entwicklung gemacht.“

Tanz, Werte und die Würde des Menschen.

Interview mit Ercan Carikci, Tänzer, Choreograph und Coach, künstlerischer Leiter des Tanzprojekts Dancing History

 Wie bist du zum Tanzen gekommen?

Ich habe wahrscheinlich parallel zum Laufenlernen mit dem Tanzen angefangen. In der 1. Klasse hatte ich meine erste eigene Tanzgruppe und habe jedes Jahr Schulprojekte gemacht. Dann habe ich angefangen, in professionellen Meisterschaften zu tanzen. Als Teenager begann ich, in Schulen und Tanzstudios in und um Hannover Workshops und Kurse zu geben und später Meisterschaftsgruppen und Solotänzer_innen zu trainieren.

Worin besteht deine Arbeit bei ju:an?

Ich coache engagierte Jugendliche im Jugendzentrum Sahlkamp in Hannover. Mein Ziel ist es, den Jugendlichen dabei zu helfen, ein Bewusstsein für ihre eigenen fremdenfeindlichen Gedanken zu entwickeln. Erst wenn man sich bewusst darüber ist, wie man selber denkt, kann man das auf die eigenen Werte anwenden und diese überprüfen, kann sich reflektieren und hinterfragen. Die Werte, die wir hier in Deutschland haben, sind keine Werte, die wir als gegeben betrachten sollten, sondern als Gut, das wir sichern müssen. Jeden Tag. Immer wieder. Deswegen war mir diese Projektidee schon von Beginn an sehr wichtig.

 Was macht ihr genau?

In einem ersten Schritt geht es darum, drei Biografien von Menschen kennen zu lernen, die während des Nationalsozialismus verfolgt worden sind: die des türkischen Juden Isaak Behar, die der Schwarzen Deutschen Fasia Jansen und die des im KZ ermordeten Sintos Johann Rukeli Trollmann. Die Jugendlichen lernen die Lebensgeschichten dieser Personen kennen und versuchen, sich den schweren Schicksalen anzunähern, sie in sich zu verarbeiten. 

Dancing History - Bergen-Belsen    Dancing History   Dancing HistoryDancing History - Boxing             

 Was ist die größte Herausforderung für die Jugendlichen?

Wenn die Jugendlichen ›Tanzprojekt‹ hören, gehen sie erst mal davon aus, dass dort eine coole Hiphop-Choreografie zu cooler Musik einstudiert wird und am Ende des Tages alle einen coolen Applaus bekommen. Aber in diesem Projekt geht es um etwas anderes, denn das primäre Ziel ist es, sich mit den Biografien auseinanderzusetzen, um sich dieses Material zu erarbeiten. Auch wenn dem Publikum das vermutlich nicht so klar sein wird: Es ist eine große Herausforderung für unsere Jugendlichen und eine ebenso große Leistung, dass sie sich mit diesen Biografien beschäftigen, daraus Situationen und Empfindungen ziehen und versuchen, all das in Tanz zu transformieren.

 Identifizieren sich die Jugendlichen mit den Protagonist_innen?

Sie sind unheimlich berührt, wenn sie z.B. ein Interview von Isaak sehen, der die NS-Zeit überlebt, aber seine ganze Familie verloren hat, wenn er davon berichtet und dann anfängt zu weinen, weil der Schmerz in ihm weiterlebt. Die unterschiedlichen Biografien bieten den Jugendlichen viele Identifikationsmöglichkeiten. Wir nehmen nach und nach die Lebensgeschichten in uns auf, spielen Situationen nach, um die Gefühle zu verstehen. Da passiert eine Menge, vor allem wenn sich persönliche Identifikationsaspekte mit denen der Protagonist_innen überschneiden. Das ist ja das Besondere!

 Welche Situationen?

Solche, bei denen ich das Gefühl habe, dass die Jugendlichen begriffen haben, wie brutal sie sich für einen Menschen anfühlen können. Dann lade ich sie dazu ein, diese Gefühle in Bewegung umzusetzen. Ich sage: »Das Gefühl der Bedrängnis, das Gefühl der Aggression – probier das, in den Tanz zu bringen, aber so, dass eine Energie entsteht, dass deine Freund_innen, die bei den Aufführungen zusehen, das wirklich empfinden und verstehen können«. Es geht darum, dass die dabei vermittelten Werte wichtig sind und verteidigt werden müssen. Dass die Jugendlichen ein Interesse daran gewinnen, diese Werte zu verteidigen und zu leben! Denn: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das Interview führte Pasquale Virginie Rotter

 

Referenz der Amadeu-Antonio-Stiftung

 

 

 

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